Meine Vorurteile [sad]

#1 von batumi , 07.06.2015 11:42

Ich bemerke an mir, dass im Laufe der letzten Jahre sich Vorurteile eingeschlichen haben, die sich mehr und mehr manifestieren. Und je mehr ich dagegen angehen will, desto mehr "Beweise" nähren das Fundament dieser Vorurteile.

Ich weiß nicht, ob es am Älterwerden liegt, an der Erziehung oder dem raschen Wandel der Zeit. Es ist immer alles schnell schnell, weit weit, hoch hoch und wieder schnell schnell. Ich habe morgens nicht mal mehr Zeit mit meinen Kollegen eine ruhige Tasse Kaffee zu trinken, den Tag zu besprechen, ich hetzte in und her und am Abend habe ich das Gefühl, nur die Hälfte von dem getan zu haben, was ich tun wollte, ungerecht zu meinen Kollegen und Mitarbeitern gewesen zu sein, alles kommt zu kurz, das ärgert mich und dann kommen die Vorurteile. Ich arbeite im Schnitt 60 Std. die Woche (ja ich habe vor ein paar Jahren aus privaten Gründen die Arbeitsstelle gewechselt), selbstverständlich werde ich dafür bezahlt, aber wenn ich dann so sehe, wie andere ihr Leben leben, tja dann ...

Ich war immer ein sozial engagierter Mensch. Es hat sich die Möglichkeit aufgetan innerhalb eines Partnerunternehmens drei Arbeitsplätze zu besetzen. Ich habe dafür gekämpft, dass man diese Plätze mit Langzeitarbeitslosen besetzt ... so etwas würde ich nie wieder machen. Es war sehr schwer die Unternehmensleitung davon zu überzeugen, dass diese Menschen arbeitswillig und arbeitsfähig sind, und es war ein einfaches die Unternehmenleitung davon zu überzeugen, dass dem nicht so ist. Jeder dieser Mitarbeiter hat die sich ihm gebotene Chance nicht genutzt. Ich war so verblüfft, bei einem Versager kann man immer noch sagen, "na ja, das kommt überall mal vor". Aber drei?

Mein Vorurteil über Langzeitarbeitslose: Die haben sich so etabliert in ihrem ALG II, warun sollten sie da raus? Morgens um 7.00 Uhr aufstehen und um 8.00 Uhr auf der Arbeit erscheinen? Und dann 40 Std. die Woche rackern für grad mal 200/300 EUR mehr als ALG II? Da pennt man doch mal lieber bis 11.00 Uhr, zumal es auf keiner Arbeitsstelle gern gesehen wird, wenn man mit Restumdrehungen vom Vortag einfliegt. Finanziell ist man mit ALG II abgesichert, die Miete wird bezahlt, die Grundbedürfnisse auch, und für alles was Mehrbedarf ist, kann man ja 2 - 3 mal im Monat schwarz arbeiten. So sieht das aus. Eigentlich sträube ich mich gegen dieses Vorurteil, doch es hat Fuß gefasst in meinem Bewusstsein und meinem Denken. Das ärgert mich, aber irgendwie will ich das auch nicht ändern.

batumi  
batumi
Klabautermaenneken
Beiträge: 16
Registriert am: 06.06.2015


RE: Meine Vorurteile [sad]

#2 von Klaus Pfahl , 07.06.2015 12:39

Ich möchte heute auch kein Berufsanfänger sein. In der Arbeitswelt hat sich viel verändert.
Deutschland ist von einer rekordverdächtigen Streikwelle erfasst: Lokführer, Postboten, Geldtransportfahrer, Erzieher, – sie alle finden, dass sie zu wenig verdienen. Und viele, die nicht streiken, finden das auch. Kein Wunder: Mehr als drei Millionen Menschen in Deutschland arbeiten und haben dennoch ein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze.
Ich bin ja lange an Bord gewesen, und 140 Überstunden, die voll versteuert und bezahlt wurden, waren der Normalfall.
Bei Langzeitarbeitslosen habe ich auch festgestellt, dass diese Menschen erst langsam wieder an die regelmäßige Arbeit gewöhnt werden müssen.


Die Erinnerungen verschönern das Leben,
aber das Vergessen allein macht es erträglich.

Honoré de Balzac

 
Klaus Pfahl
Admin
Beiträge: 7.167
Registriert am: 07.03.2010

zuletzt bearbeitet 07.06.2015 | Top

RE: Meine Vorurteile [sad]

#3 von Schiffskatze , 07.06.2015 15:13

Auch ich habe bei uns auf der Arbeit die Erfahrung gemacht, dass sich fast kein H4-Empfänger bei uns bewarb, auch wenn wir händeringend Pauschalkräfte suchten.


********************************************
Frauen schulden keiner einzigen Religion Dank für auch nur einen Impuls der Freiheit

Susan Brownell Anthony,
amerikanische Frauenrechtlerin 1820-1906

 
Schiffskatze
Kommodore
Beiträge: 4.644
Registriert am: 24.05.2010


RE: Meine Vorurteile [sad]

#4 von batumi , 07.06.2015 19:55

@Blitz

Hier sind keine Berufsanfänger gewesen, das waren ausgewachsene Arbeitskräfte, keine Jungspunde, eher mittleres Alterssegment. Und mal ganz ehrlich --- man muss sich erst wieder an die Arbeit gewöhnen ... das ist nicht ok. Dann muss man mal die Zähne zusammenbeißen und durch, das war bei mir nicht anders. Heute wird diesen Faullenzern (sind nicht alle Faule, ich weiß) wieder die Bequemlichkeit finanziert. Ich weiß nicht, mir wäre lieber, das Geld ging in die Bildung, statt faulen Menschen ihren Schlendrian zu finanzieren. Die Firma hat ordentichen Lohn gezahlt, kein Dumping, und das Geld wurde gern genommen, nur Leistung wollte man nicht bringen, dann kam der Krankenschein, heute Magen-Darm morgen die Psyche. Ich werde das nicht begreifen.

Du hast Recht jeder streikt, mir leuchtet nicht ganz ein, warum eine Kindergärtnerin, die mit Kleinkindern im Garten trollt und spielt nicht mit 2069 EUR Anfangsgehalt zufrieden sein soll. Ein Staatsanwalt verdient als Einsteiger grad mal 1000 EUR mehr. Ich bin verwirrt, was ist auf einmal so schwer mit Kindern zu spielen? Warum soll eine Erzieherin mehr verdienen als eine Altenpflegerin, die sich tagtägich um alten, kranke und evtl. dementen Menschen kümmert, oder eine Krankenschwester auf der Intensivstation?

Jeder muss von seinem Lohn leben können, aber irgendwo muss es doch auch Grenzen geben.

batumi  
batumi
Klabautermaenneken
Beiträge: 16
Registriert am: 06.06.2015


RE: Meine Vorurteile [sad]

#5 von Gulliver , 13.06.2015 02:23

 
Gulliver
Master
Beiträge: 1.045
Registriert am: 04.08.2013


RE: Meine Vorurteile [sad]

#6 von Proconsul48 , 13.06.2015 15:47

Gerechte Entlohnung ist eine Chimäre...leider.
Meine Gattin war Intensiv-Schwester/chirurgisch. Im Gespräch mit einer Oberärztin sgte diese zu ihr, nach einem Blick auf ihren Gehaltszettel: und dafür gehen sie arbeiten...?
Gerecht? Gibts nicht...

Zitat von batumi im Beitrag #4
@Blitz

Hier sind keine Berufsanfänger gewesen, das waren ausgewachsene Arbeitskräfte, keine Jungspunde, eher mittleres Alterssegment. Und mal ganz ehrlich --- man muss sich erst wieder an die Arbeit gewöhnen ... das ist nicht ok. Dann muss man mal die Zähne zusammenbeißen und durch, das war bei mir nicht anders. Heute wird diesen Faullenzern (sind nicht alle Faule, ich weiß) wieder die Bequemlichkeit finanziert. Ich weiß nicht, mir wäre lieber, das Geld ging in die Bildung, statt faulen Menschen ihren Schlendrian zu finanzieren. Die Firma hat ordentichen Lohn gezahlt, kein Dumping, und das Geld wurde gern genommen, nur Leistung wollte man nicht bringen, dann kam der Krankenschein, heute Magen-Darm morgen die Psyche. Ich werde das nicht begreifen.

Du hast Recht jeder streikt, mir leuchtet nicht ganz ein, warum eine Kindergärtnerin, die mit Kleinkindern im Garten trollt und spielt nicht mit 2069 EUR Anfangsgehalt zufrieden sein soll. Ein Staatsanwalt verdient als Einsteiger grad mal 1000 EUR mehr. Ich bin verwirrt, was ist auf einmal so schwer mit Kindern zu spielen? Warum soll eine Erzieherin mehr verdienen als eine Altenpflegerin, die sich tagtägich um alten, kranke und evtl. dementen Menschen kümmert, oder eine Krankenschwester auf der Intensivstation?

Jeder muss von seinem Lohn leben können, aber irgendwo muss es doch auch Grenzen geben.

 
Proconsul48
Master
Beiträge: 2.171
Registriert am: 12.12.2010


   

Dekadenz

  • Ähnliche Themen
    Antworten
    Zugriffe
    Letzter Beitrag
Javascript Uhr
Aktueller Kalender
Xobor Forum Software von Xobor