Kapitalismus und Familie

#1 von GG146 , 16.12.2012 19:00

Ein FAZ - Interview mit einem Wirtschaftsphilosophen:

Zitat
Philosoph Dieter Thomä
„Der Kapitalismus zersetzt die Familie - ganz subtil“

(...)

Ausgerechnet der große Kapitalismusverteidiger Joseph Schumpeter kam zu der Erkenntnis, dass der individualistische Utilitarismus, den der Kapitalismus generiert, die Gesellschaft und damit die Familie zersetzt. Dieser Utilitarismus passt nicht zur der Aussicht, dass man zum Beispiel von seinen Kindern in der Pubertät zwei Jahre lang unablässig beleidigt werden könnte. Die Erkenntnis dieses Konflikts ist tatsächlich keineswegs neu. Wer Familie hat, scheint darüber hinaus auch weniger frei zu sein...

...was einem Kapitalisten ja auch nicht gefallen kann.

Keinesfalls. Das ist die zweite, neuere Konfliktlinie. Ein Kapitalist will flüssig sein. Flüssiges Kapital, ein flüssiges Leben, hohe Flexibilität und Wandlungsfähigkeit in jeder Hinsicht. Der Kapitalist fürchtet die Festlegung wie der Fluss den Frost. Entscheidet man sich für Familie, legt man sich aber in hohem Maße fest - nicht nur mit seinem Kapital.

(...)



http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/me...l-11994613.html

Von den Spätfolgen der Kinderlosigkeit - insbesondere dem Auseinanderbrechen des Rentensystems - ist da noch nicht einmal die Rede. Nach dieser Betrachtung sieht es insgesamt so aus, als würde der Kapitalismus notwendigerweise zunächst ganze Völker und dann sich selbst zerstören. Das ist aber m. M. n. nur dann der Fall, wenn man sich von der ursprünglichen Idee der freien und sozialen Marktwirtschaft endgültig verabschiedet, anstatt zu ihr zurückzukehren.

Ein völlig unregulierter Kapitalismus hat auch noch viele andere zerstörerische Potentiale, die in der Vergangenheit vorübergehend katastrophale Folgen gezeitigt haben, wie z. B. massive Bodenerosion durch Abholzen ohne Wiederaufforstung und Überfischung von Flüssen, Seen und großen Meeresregionen. Das alles konnte man aber mit Gesetzen unter Kontrolle bringen.

Das Sozialstaatsprinzip wäre so ein Regulativ gegen die zerstörerische Überbeanspruchung der Ressource "Mensch", wenn denn Gesetze - insbesondere Verfassungen - im Sinne der Erfinder funktionieren würden. Das ist aber gegenwärtig leider nicht der Fall ...

 
GG146
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RE: Kapitalismus und Familie

#2 von GG146 , 24.12.2012 17:03

Für die FDP ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit die Abwendung der heraufziehenden demographischen Katastrophe weiterhin nachrangig:

Zitat
Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Rösler blockiert von der Leyens und Schröders Elternzeit-Pläne

Die Ministerinnen von der Leyen und Schröder wollen die Elternzeit flexibilisieren, eine Großelternzeit einführen und einen Rechtsanspruch verankern. Wie FOCUS erfuhr, ist Wirtschaftsminister Rösler damit allerdings nicht einverstanden.


(...)

Das Rösler-Ressort entgegnete am Sonntag in einer Stellungnahme: „Es gibt keine Blockade. Allerdings wird nicht alles machbar sein, was vielleicht wünschenswert ist. Die Bundesregierung hat sich auf ehrgeizige Ziele bei der Haushaltskonsolidierung verständigt. Zudem wird das wirtschaftliche Umfeld schwieriger. Jetzt gilt es, die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, um Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern. Das muss unser Maßstab sein.“



http://www.focus.de/politik/deutschland/...aid_887370.html

Nachdem mit der Agenda 2010 der maximal wettbewerbsfähige Exportweltmeister Deutschland seine Spitzenposition bei der Arbeitsproduktivität durch einen großen Billiglohnsektor ergänzt und so eine den innereuropäischen Handel und den Welthandel massiv störende bzw. gefährdende Hyperwettbewerbsfähigkeit hergestellt hat, die maßgeblich für die Schuldenkrisen in anderen Ländern mitursächlich ist, meint Herr Rösler sich also jetzt immer noch oder schon wieder um die "Wettbewerbsfähigkeit" der wettbewerbsverzerrenden deutschen Geldproduktionsmaschinerie (und andernorts Schuldenproduktionsmaschinerie) sorgen zu müssen.

Ich kann das alles nicht mehr glauben. Dieses Wettbewerbsgeschwurbel kann der vernageltste Neoliberale nicht wirklich ernst meinen. Da geht es nur noch darum, der eigenen Klientel um wirklich ausnahmslos jeden Preis die maximalen kurzfristigen Profite zuzuschustern, und wenn man der Substanz des eigenen Staatsvolkes damit den Rest gibt und selbst den Geschäftsgrundlagen für den Reichtum dieser Klientel über die Beschädigung des globalen Wirtschaftssystems langfristig massiven Schaden zufügt.

Diese FDP zu wählen, bedeutet also selbst für Besserverdiener, an dem Ast zu sägen, auf dem man selbst sitzt.

 
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