Wie masochistisch sind Frauen?

#1 von Alina , 13.07.2012 22:48

Zitat
13.07.2012
50 Shades of Grey

Die Aufregung ist groß. Der Weltbestseller „Shades of Grey“ (auf Deutsch plump: Geheimes Verlangen) schlägt Harry Potter und den Da Vinci Code. E.L. James, eine bis vor kurzem unbekannte Schottin, TV-Produzentin und Mutter zweier Kinder, hat von ihrem Roman allein in den USA in den ersten Wochen 15 Millionen Exemplare verkauft. Und Deutschland ist nur eines von 37 Ländern, in denen gerade die Übersetzung erscheint. Die Legende will, dass die 48-jährige Autorin Twilight-Fan ist, die Geschichte zunächst im Internet weitergestrickt und um die in der Vampir-Story fehlenden Sexszenen ergänzt hat. Dann griff ein kleiner australischer Verlag zu. Mit Erfolg. Und was ist von dem Roman zu halten? Haben wir hier einen Siegeszug der Pornografie in die Unterhaltungsliteratur zu beklagen? Oder gar den Niedergang der Emanzipation? Keineswegs. Der 600-Seiten-Roman ist weder pornografisch noch eine Propagandaschrift für Sadomaso-Praktiken und weibliche Unterwerfung – er ist schlicht ein Liebesmärchen.

Das Muster ist vertraut: Charaktervolle Jungfrau begegnet Traumprinzen. Der kommt nicht auf dem Schimmel geritten, sondern mit dem Hubschrauber geflogen, und er hat nicht nur strahlende, sondern auch dunkle Seiten. Wie alle sexy Traumprinzen. Das Dunkle gehört dazu, zu unseren kulturell geprägten Sex-Fantasien über Männer.

Doch in Wahrheit ist „Shades of Grey“ keine Geschichte über weiblichen Masochismus, sondern über männlichen Sadismus. Aber es ist dennoch keine Pornografie. Denn hier geht es nicht um depersonalisierte Fickszenen, sondern um eine Frau und einen Mann, ihre Geschichte und ihre Gefühle, in die erotische Szenen plus ein paar Hardcore-Spielchen eingebettet sind. Immer steht im Vordergrund seine Rücksichtnahme auf sie. Christian ist ein charmanter Sadist. Und Anastasia lässt sich nie zum passiven Objekt degradieren, sie bleibt denkendes und handelndes Subjekt.

„Shades of Grey“ ist ein Liebesroman. Der Traumprinz liebt seine Wachgeküsste ebenso wie sie ihn. Er ist ritterlich, fürsorglich und ein fantastischer Liebhaber – solange er es nicht übertreibt. Doch genau das will er. Er will mit ihr seine dunkle Seite ausleben. Die ist – das erfahren wir früh – Resultat seiner schweren Kindheit. Und die verliebte Frau ist bereit, den Mann zu retten. Wie gewohnt.

Also lässt sie sich ein Stück auf seine Fantasien ein. Sie macht mit und entdeckt zu ihrem Erschrecken, dass manches auch ihr Spaß macht. Doch bevor es echt ernst wird, geht sie. Die trotz ihrer Naivität keineswegs schwache Literaturstudentin verlässt den strahlenden Multimillionär, der ganz nebenher auch noch Gutes in Afrika tut. Sie unterwirft sich ihm letztendlich eben nicht! Und genau das macht wohl die Faszination der Millionen Leserinnen aus: Das Spiel mit dem Feuer, das sie selber löschen können.

Denn es gibt ihn ja, den weiblichen Masochismus. Wir wissen seit langem, dass er der Versuch der Seele ist, real erlittene Erniedrigung und Schmerz umzumünzen und lustvoll zu besetzen. Doch sind masochistische Fantasien keineswegs gleichzusetzen mit masochistischen Taten. In der Fantasie ist die Masochistin Herrin der Lage, in der Realität ist es der Sadist.

Dieses Thema ist allen voran von der aufbrechenden Frauenbewegung ab Anfang der 1970er Jahre offensiv angegangen worden. Nach den ersten gegenseitigen Geständnissen – Du etwa auch? – haben wir Feministinnen uns an die Analyse unserer so unemanzipierten Träume gemacht. Bereits in ihrem ersten Jahr, im September 1977, hatte EMMA eine Titelgeschichte über „unsere sexuellen Fantasien“. Das war für viele befreiend.

Anfang der 1980er Jahre aber kam der Rückschlag, zweifellos eine Reaktion auf die Frauenbewegung. Nun wurde der Sadomaso-Sex regelrecht propagiert. Das kam vor allem aus der homosexuellen Männerszene, die mit ihr befreundete Lesbenszene machte mit und auch in fortschrittlichen Heterokreisen war SM plötzlich angesagt. Aber entsprach diese SM-Welle in den Medien auch der Realität? Offensichtlich nicht.

Alle Sexstudien sagen das Gegenteil. Noch jüngst bestätigte mir der Hamburger Sexualforscher Gunter Schmidt, die Anzahl der praktizierenden heterosexuellen Sadomasochisten – bzw. BDSM, wie das heutzutage heißt – sei „ein Prozentsatz hinterm Komma“. Also eine verschwindende Minderheit. Wie aber lässt sich dann die Fülle von SM-Darstellungen in Medien, Literatur, Film und Kunst erklären? Sie scheint das Wunschdenken gewisser Männer zu sein. Die, die sich in ihren Chefsesseln oder Hausherr-Positionen von emanzipierten Frauen bedroht sehen. Die, die Frauen eben lieber auf allen Vieren imaginieren als ihren aufrechten Gang zu akzeptieren.

Doch Fantasien sind eines, die Realität ist ein zweites. Bei real praktizierenden SadomasochistInnen steht das Leben nicht neben der Sexualität, sondern durchwirkt sich beides gegenseitig. Die sexuelle Unterwerfung im Schlafzimmer wirkt sich auch in der Küche aus. Genau das ist die Gefahr, vor allem für Frauen, die in der Regel den masochistischen Part haben – und meist nur auf Order die Sadistin spielen.

Ich bin gefragt worden, ob dieses Buch ein Rückschlag für die Emanzipation sei. Ich sehe das nicht so. Zumindest nicht in der ersten Folge dieser Trilogie (die beiden nächsten Folgen sind schon geschrieben). Da erlaubt sich eine 48-jährige Frau und Mutter zweier Kinder, ihren Liebesträumen und sexuellen Fantasien freien Lauf zu lassen. Gleichzeitig achtet sie penibel darauf, dass ihre Protagonistin nicht den Überblick verliert, den Kopf auf den Schultern behält. Als Christian zu weit geht, verlässt Anastasia ihn – trotz ihres gewaltigen Liebesschmerzes.

Übrigens: Im Anhang des Buches dankt die Autorin,, die im Leben Erika Leonard heißt, ihrem Ehemann für seine „göttlichen Qualitäten im Haushalt“. Wenn das nicht sexy ist.

Alice Schwarzer

http://www.aliceschwarzer.de/publikation.../?tx_t3blog_pi1[blogList][showUid]=105&tx_t3blog_pi1[blogList][year]=2012&tx_t3blog_pi1[blogList][month]=07&tx_t3blog_pi1[blogList][day]=13&cHash=3e51948216#commentList


 
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RE: 50 Shades of Grey

#2 von Alina , 13.07.2012 22:51

The Trouble With Prince Charming or He Who Trespassed Against Us

By Roxane Gay
May 9th, 2012

http://therumpus.net/2012/05/the-trouble...sed-against-us/

 
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RE: 50 Shades of Grey

#3 von Gast ( gelöscht ) , 14.07.2012 01:20

Vermutlich wusste der Marquis de Sade das alles schon viel früher.
Er bekam dafür Gefängnis aufgebrummt.

Zitat
The 120 Days of Sodom

Justine

Gast

RE: 50 Shades of Grey

#4 von Alina , 14.07.2012 02:02

Zitat von Gast im Beitrag #3
Vermutlich wusste der Marquis de Sade das alles schon viel früher.
Er bekam dafür Gefängnis aufgebrummt.

Zitat
The 120 Days of Sodom

Justine



Die "120 Tage von Sodom" sind nicht von De Sade, sondern von Pier Paolo Pasolini, der auch wahrscheinlich deswegen ermordet wurde.
Ganz harter Tobak.

Über de Sade kann man sehr wohl geteilter Meinung sein.
Er war wegweisend, aber wohl tatsächlich wirr.

http://de.wikipedia.org/wiki/Donatien_Al...3%A7ois_de_Sade

Zu diesem Thema gehört aber unbedingt noch der Film

Belle de Jour
mit Catherine Deneuve

http://www.youtube.com/watch?v=XkAfT6LpEuk


 
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RE: 50 Shades of Grey

#5 von Gast ( gelöscht ) , 14.07.2012 12:34

Gast

RE: 50 Shades of Grey

#6 von Waldveilchen , 15.07.2012 19:31

Ich glaube nicht, dass alle Frauen masochistisch veranlagt sind.
Ich bin es z.B. nicht. Darauf kann ich gern verzichten.

Auch der Roman bzw. der kommende Film interessieren mich nicht. Ist Zeitverschwendung.

 
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RE: 50 Shades of Grey

#7 von Alina , 15.07.2012 22:06

Zitat von Gast im Beitrag #5
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_120_Tage_von_Sodom_(Buch)


Merci, Gast,ifür die Aufklärung, ich wusste nicht, dass der Pasolini Film ursprünglich einer Novelle de Sades entspringt.

Den Film habe ich vor vielen Jahren gesehen, aber ich konnte mich nicht überwinden ihn bis zum Ende anzuschauen.
Aber dazu kann man vielleicht noch sagen, dass hier doch eher weiblicher wie männlicher Sadismus das Thema war genauso wie Menschenverachtung.

Masochismus und damit verbundene Lust kommen in diesem Film nicht vor.
Eher Ekel!

 
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RE: 50 Shades of Grey

#8 von Alina , 15.07.2012 22:09

Zitat von Waldveilchen im Beitrag #6
Ich glaube nicht, dass alle Frauen masochistisch veranlagt sind.
Ich bin es z.B. nicht. Darauf kann ich gern verzichten.

Auch der Roman bzw. der kommende Film interessieren mich nicht. Ist Zeitverschwendung.


Man sollte vielleicht nicht alle Frauen über einen Kamm scheren.
Es gibt masochistische Frauen genauso wie es masochistische Männer gibt.

Und das Buch ist nunmal der meist gelesene Roman der Welt zur Zeit.

 
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RE: 50 Shades of Grey

#9 von Klaus Pfahl , 16.07.2012 00:54

Wie wäre mit folgendem Buch?
http://blog.arminaugustalexander.de/?p=1051

Die bizarre Lust der Frauen ist ein Querschnitt aus den Träumen der Autorin.


Die Erinnerungen verschönern das Leben,
aber das Vergessen allein macht es erträglich.

Honoré de Balzac

 
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RE: 50 Shades of Grey

#10 von Gast ( gelöscht ) , 16.07.2012 01:43

Ich denke schon, dass Frauen leicht masochistisch sein können, wenn sie von einem erfahrenen Mann sanft an diese Techniken herangeführt werden.

Dominas sind es ohnehin auch ohne Sex.

Gast

RE: 50 Shades of Grey

#11 von Proconsul48 , 28.12.2012 12:26

Zitat von Waldveilchen im Beitrag #6
Ich glaube nicht, dass alle Frauen masochistisch veranlagt sind.
Ich bin es z.B. nicht. Darauf kann ich gern verzichten.

Auch der Roman bzw. der kommende Film interessieren mich nicht. Ist Zeitverschwendung.

Es gibt Frauen, die erdulden viel, um der Familie willen...oder auch, um bestimmte Dinge erreichbar zu halten...
Eine Freundin meiner Frau hat einen Fußtritt ihres Mannes hingenommen, sich beschimpfen lassen , lächerlich machen lassen vor ihren Söhnen, von ihrem Mann...aber Scheidung ist kein Thema...5-6 Reisen im Jahr wären ohne sein Geld nicht drin, da duldet sie lieber...
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RE: 50 Shades of Grey

#12 von lei , 30.12.2012 14:02

Zitat von Gast im Beitrag #10
Ich denke schon, dass Frauen leicht masochistisch sein können, wenn sie von einem erfahrenen Mann sanft an diese Techniken herangeführt werden.

Dominas sind es ohnehin auch ohne Sex.



@gast, sie schreiben:

Dominas sind es ohnehin auch ohne Sex.

haben sie ein problem damit?

 
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RE: 50 Shades of Grey

#13 von Schiffskatze , 02.01.2013 07:40

Zitat von Proconsul48 im Beitrag #11
Zitat von Waldveilchen im Beitrag #6
Ich glaube nicht, dass alle Frauen masochistisch veranlagt sind.
Ich bin es z.B. nicht. Darauf kann ich gern verzichten.

Auch der Roman bzw. der kommende Film interessieren mich nicht. Ist Zeitverschwendung.

Es gibt Frauen, die erdulden viel, um der Familie willen...oder auch, um bestimmte Dinge erreichbar zu halten...
Eine Freundin meiner Frau hat einen Fußtritt ihres Mannes hingenommen, sich beschimpfen lassen , lächerlich machen lassen vor ihren Söhnen, von ihrem Mann...aber Scheidung ist kein Thema...5-6 Reisen im Jahr wären ohne sein Geld nicht drin, da duldet sie lieber...
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RE: 50 Shades of Grey

#14 von Proconsul48 , 03.01.2013 16:38

Ja, siehst du richtig...wir haben ihr schon Hilfestellung gegeben...sie war auch schon beim Anwalt, von wegen Scheidung und hat es ihrem Göttergatten/Kotzbrocken mitgeteilt...seine Reaktion?? Willst du mich ruinieren? ...damit war das Thema vom Tisch...
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RE: 50 Shades of Grey

#15 von Proconsul48 , 27.03.2013 10:24

Zitat von Waldveilchen im Beitrag #6
Ich glaube nicht, dass alle Frauen masochistisch veranlagt sind.
Ich bin es z.B. nicht. Darauf kann ich gern verzichten.

Auch der Roman bzw. der kommende Film interessieren mich nicht. Ist Zeitverschwendung.

Du lässt dir die tägliche "Folter" entgehen?? Du weißt ja, die Ehe ist eine Institution zum leichteren Ertragen aller Leiden, die man gar nicht hätte, wäre man nicht verheiratet!!!

 
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